Notizie Italiane


NOTIZIE ITALIANE

Mitteilungen der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Oldenburg

Für alle Freunde Italiens

Nr. 14 – Dezember 2010
 

Hamburg-Fahrt am 04.09.2010

 Nach wochenlangem Regen der erste schöne Tag - wir fahren nach Hamburg. Ziel ist am Vormittag die Ausstellung "Sehnsucht nach Arkadien" im Jenisch-Haus, am Nachmit­tag der Botanische Garten, beides in Klein Flottbek gelegen.

Die Arkadien-Ausstellung zeigt Bilder schleswig-holsteinischer Maler des 19. Jahrhun­derts, die durch Reisen und Studienzeiten in Italien von der dortigen Kunst und dem Licht inspiriert wurden. Gezeigt werden unterschiedliche Motivgruppen: Landschaftsmalerei, Ar­chitekturdarstellungen, mythologische und christliche Historienmalerei sowie Genrebilder mit Szenen aus dem Alltag des Volkes und Porträts schöner Römerinnen. Nach dem Mit­tagsimbiss erwartet uns die Führung durch den Botanischen Garten Klein Flottbek, der 24 ha groß und in verschiedene Themengärten gegliedert ist. Der Schwerpunkt unserer Füh­rung liegt auf den mediterranen Gewächsen. Besonders beeindruckt haben uns darunter die alten Olivenbäume, die im Winter durch Rollgewächshäuser (laufen auf Schienen) ge­schützt werden. Reges Interesse fand der Apotheker(Gift)garten, in dem von Belladonna bis Zinnkraut alles zu finden ist, was "die Kräuterhexe" begehrt. Durch den Wüstengarten und vorbei an einem kleinen Hügel voller Herbstalpenveilchen gelangen wir dann wieder zum Eingang. Der Botanische Garten sollte einmal alleiniges Ziel eines Ausflugs sein, ist die einhellige Meinung.Unter dem Sonnenschirm mit ein wenig Regen, jedoch versüßt durch Kaffee und frischen Pflaumenkuchen, endet dann unser Ausflug. 
Monika Rupprecht 27.09.2010

Zwischen barocker Lebensfreude und tiefer menschlicher Erniedrigung

Reise mit „Feco“ nach Lecce und Matera

Gut ausgesucht waren die Hauptziele der Studien- und Erlebnisfahrt nach Apulien und in die Basilikata, nämlich Lecce und Matera. Diese Städte, in denen wir jeweils einige Tage wohnten, waren gleichsam Extrempunkte für uns und jeden nachdenklichen Touristen: In Lecce erkannten wir das überquellende Barocke mit seiner Lebensfreude; wir versuchten uns hier auch noch das Teuflische, Animalische zu erklären, das vielleicht das Bedrohli­che, das Böse darstellt; wir vernahmen auch noch die Botschaft, dass der Mensch diesem Bösen nicht entkommt, es sei denn, er durchschreite das sich verengende Portal und gehe hinein in die Kirche; doch konnten wir uns im zweiten Teil unserer Reise auch noch das alte Matera erklären mit den einstigen Höhlenbewohnern in den Sassi, mit dem Leben in einer Welt fast tierischen Vegetierens, dazu noch in räumlicher Nähe großartiger Kultur­denkmäler? Mag es das Prähistorische sein, das uns ratlos und gleichgültig werden ließ im Angesicht dessen, was unterirdisches, ja würmerartiges Leben gewesen zu sein scheint von Menschen, die über Jahrtausende in dem weichen Tuffstein ihre Schlupflöcher gefunden haben; mag es der asketische Fanatismus frühchristlicher Mönche gewesen sein, die sich in ihrem Heilverständnis als Anachoreten der Welt und damit weit unserer Vorstellungskraft entzogen; mag es das angstvolle Streben nach einem Zufluchtsort gepei­nigter Menschen sein, wenn wieder einmal z.B. sarazenische Invasoren raubend und plün­dernd durchs Land zogen.

Ab 1952 wurden die Menschen aus ihren Felswohnungen unter enormen Kosten „befreit“, eine nationale Schande, wie es hieß, beseitigt. „Es wurde ja wohl auch Zeit“, so dachten wir. Die Bewohner der Sassi erhielten vom Staat moderne, lichtvolle Wohnungen mit elek­trischem Licht, fließendem Wasser, Kühlschrank und Klimaanlage. Doch waren viele von uns nicht wieder ratlos, als sie erfuhren, dass bald schon viele der Umsiedler ihre Muster­wohnungen verließen und in ihre Höhlenwohnungen zurückkrochen? Sie sehnten sich wohl zurück nach einem Leben in der Gemeinschaft mit Menschen, ja sogar mit Tieren in den Grotten und engen Innenhöfen, nach einer Gemeinschaft, die in Jahrhunderten zu ih­rer Lebensnotwendigkeit geworden war und die ihr Glück nicht unbedingt in dem zu su­chen scheint, was wir „Zivilisation“ nennen, zumal durch ein raffiniertes unterirdisches Wassersystem eine erste Grundlage einer Zivilisation gegeben war. Viele von uns Reisen­den mögen sich die Frage gestellt haben, aus welchem Blickwinkel, von welchem histori­schen Standpunkt das aus unserer Sicht erbärmliche Leben in den Sassi beurteilt werden kann. Doch blieb schon diese Frage, was Glück innerhalb einer sich über Jahrtausende ändernde Zivilisation bedeutet, sogar von Anthropologen und Soziologen in Bezug auf Ma­tera unbeantwortbar, wie hätten dann wir eine stimmige Antwort finden können? Es blieb nachdenkliches Betrachten und Verdrängen. Helles und Erheiterndes bot die vom hellen Licht durchflutete Stadt Gallipoli („schöne Stadt“) mit ihren weiß getünchten Häusern am blau leuchtenden Wasser des Golfs von Tarent, das erste Ziel nach unserer Ankunft in Lecce. Wir besichtigten die Kathedrale, die, in Lecceser Barock gestaltet, der hl. Agatha, der Schutzpatronin der Stadt, geweiht ist. Das monumentale Werk ihres Martyriums von G.A. Coppola sahen wir auf dem Altar des Querhausarms; ihr Leiden für den Glauben (ihr wurden die Brüste von „ungläubigen“ Sarazenen abgerissen) stimmte uns wieder nach­denklich und ratlos.

Die Fassade ist besonders in ihrem oberen Teil von starkem Ornament bestimmt. Blumen- und Vegetationsmotive wiederholen und überlagern sich in Hell-dunkel-Kontrasten und mögen in ihrer „Üppigkeit“ heiteres barockes Leben und, eng damit verbunden, sein Ge­genteil symbolisieren. Das Kastell im antiken Zentrum zum Meer hin, der hellenistische Brunnen, der jedoch aus dem 16. Jahrhundert stammt, mit seinen mythischen Figuren zwi­schen den Karyatiden sowie die unterirdische Ölmühle vertieften den Eindruck von dieser Stadt.

In Galatina hatten wir zuvor schon die Kirche Santa Caterina d`Alessandria besonders wegen ihres außergewöhnlichen Freskenzyklen u.a. mit Themen aus der Apokalypse, der Genesis, der Christologie und des Lebens der hl. Katharina besichtigt.

Als „apulisches Florenz“ und „barockes Athen“ wurde Lecce oft gerühmt, als „Klein- Neapel“ eiferte die Stadt der Hauptstadt Neapel nach, wie die prächtigen Bauten ihrer kle­rikalen und adligen Auftraggeber zeigen. Den Zugang zu diesen Prachtbauten fanden wir durch die Porta Napoli, die schon im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss Karls V. erbaut wurde. Auf diesen Kaiser verweist das habsburgische Reichswappen mit dem doppelköpfi­gen Adler am Tor ebenso wie das Castello Carlo V, das zur Abwehr ein- dringender Türken von Karl V. erweitert wurde.

An den heiligen Oronzo, der noch von Paulus persönlich zum Bischof von Lecce be­stimmt worden sein soll, erinnerten uns die zentrale Piazza Sant`Oronzo und die aus Brin­disi stammen- de römische Säule, von der der Heilige segnend auf das Volk hinabblickt.

Auf vorchristliche, nämlich griechisch-römische Wurzeln wies uns das Stadtwappen hin, das eine Wölfin (lycos-lup(i)a-Wolf) und eine Steineiche (leccio) darstellt. Beide Attribute ermöglichen eine Deutung des Namens „Lecce“, „leccio“ erinnert auch an die reichen Steineichenwälder, die sich bis ins 18. Jahrhundert bis Otranto erstreckten.

Von den römischen Resten der Stadt sei nur das Amphitheater erwähnt, von den vielen Kirchen nur die barocke Santa Croce. Was sich uns, den staunenden Betrachtern, allein unterhalb des prächtigen Rosenfensters auf den Gesimsen bot, ist eine wahre Demonstra­tion besonders der barocken Baukunst und des barocken Aussagewillens: Heilige oder Al­legorien christlichen Heilverständnisses wie Pelikane und Granatäpfel innerhalb eines in Stein geschlagenen rankenden Blattwerks mit z.T. grotesken Lebewesen wie Drachen mögen die Spannung zwischen Gut und Böse, zwischen Sünde und Erlösung zum Ausdruck bringen.

In Otranto erreichten wir am folgenden Tag die östlichste Stadt Italiens, die deswe­gen auch besonders den Invasionen aus dem Osten ausgesetzt war. So auch im Jahr 1480, als Türken die Stadt belagerten. Zwar mussten 800 Märtyrer für ihren Glauben ster­ben, doch der prächtige Mosaikfußboden aus 10 Millionen Steinchen in der Kathedrale wi­derstand der Invasion. Beim Besuch dieser Kirche wurden wir sozusagen in ein Labyrinth geführt, denn mehr oder weniger ratlos standen wir trotz fachmännischer Führung vor dem Versuch, die theologische Botschaft mittelalterlichen Denkens in ihrer ganzen Fülle zu ver­stehen, zumal wegen Bauarbeiten Teile nicht sichtbar waren. Der Lebensbaum, fest ver­wurzelt zwischen zwei Elefanten, hinwachsend zum Altar, erzählt Geschichten aus dem Al­ten Testament, der antiken Geschichte, den Rittersagen und der Heilsgeschichte des Mit­telalters. Hatten wir in Otranto den östlichsten Punkt erreicht, so kamen wir wenig später nach einer herrlichen Fahrt entlang der Küste zum südlichsten Punkt Apuliens, nach S. Maria di Leuca, am Ionischen Meer, zum finis terrae, dem Ende des Landes. Geht die Kir­che des Dorfes, wie eine Inschrift sagt, wirklich auf das Jahr 43 und auf Petrus zurück? Überwältigt von der Schönheit dieses Ortes, gaben wir uns gern einem weiteren Genuss hin, nämlich einer Weinprobe mit passendem Essen bei einem Winzer, der schon einigen von uns von einer Degustation bei Herrn Peters (Veritas) in Neusüdende bekannt war.

Grottaglie, die Città della Ceramica, wie sie sich selbst nennt, war das erste Ziel des nächsten Tages. Wir hatten die Möglichkeit, einem Töpfer bei seiner Arbeit zuzuschauen. Wir bewunderten z.B. die Tonpfeifen in Tiergestalt, besonders aber das typische Muster auf Keramik, nämlich den Hahn mit stolz erhobenem Kopf, schwellender Brust und weit aufgerissenem Schnabel, bereit, jeden Tag mit glücks­bringendem Gruß zu beginnen. Dieser Hahn, Symbol der Fruchtbarkeit, ist besonders prächtig auf dem Hochzeitsteller, von dem das frisch vermählte Paar isst und auf die Ge­burt eines Sohnes hoffen lässt; zeigen sich am Boden des Tellers jedoch schön gemalte Küken, so konnte das Paar mit Freude der Geburt einer Tochter entgegensehen.

Die Stadt Taranto bot uns anschließend mit ihrem Dom und ihrem sehenswerten Museum und der schönen Altstadt zwischen dem Mare Piccolo und dem Mare Grande Belehrung und Entspannung.

Nach vier Tagen in Lecce verließen wir unser schönes Hotel in Lecce, um eine neue Bleibe im sehr schönen Hotel „Palace“ in Matera zu beziehen. Auf der Fahrt besuchten wir zunächst die Stadt Metaponto mit ihrem äußerst sehenswerten Museum, genossen dann ein gutes Mittagessen in einem sehr einladenden Restaurant mitten in reicher Natur, erleb­ten dann jedoch im Kontrast eine Fahrt wie durch eine Wüste, in der nur wenige kümmerli­che Pflanzen um ihr Leben ringen, in der Bergrutsche an der Tagesordnung sind. Erschre­ckend sichtbar wurde uns dieses am Beispiel des Ores Craco, der 1963 nach einer frana (Erdrutsch, Bergrutsch) völlig evakuiert und dadurch gleichsam verwandelt wurde in eine Stadt der Phantasie, unsterblich gemacht, mumifiziert, über deren verlassenen Häusern das Kastell auf der Höhe des Felsen herausragt. Wir konnten verstehen, warum hier im Jahre 2004 Teile des Films „Die Passion Christi“ gedreht wurden, mit dem Verräter Judas, aufgehängt an einem einsamen Baum vor dem Hintergrund des toten Dorfes. Doch auch in dieser kargen Umgebung zeigt sich wieder der Drang nach Veränderung, zum Leben: ein großzügiges „Habitat“ für selten gewordene Vögel wurde in unmittelbarer Umgebung angelegt.

Wohlhabend wirkt dagegen Manduria, wo der beste Weizen wächst, das beste Brot Italiens gebacken wird, wo der bekannte Rotwein Primitivo di Manduria getrunken wird; wohnenswert erscheint uns in jeder Hinsicht der Teil Materas mit „normalem“ Straßennetz und „normaler“ Bebauung; doch was bietet die Höhlensiedlung unterhalb in einer Schlucht, die von der Unesco heute als Weltkulturerbe geschützt ist? Bewunderten wir „oben“, in der modernen Stadt, z.B. die Kathedrale mit der hochverehrten „Madonna della Bruna“, der Schutzpatronin der Stadt, oder auch die „Fegefeuerkirche“, auf deren Fassade im unteren Teil die Hölle mit den im Feuer leidenden Menschen , im oberen dagegen das Paradies mit seinen Freuden dargestellt ist, so konnten wir in der „Höhlenstadt“ nur „Sassikirchen“ be­suchen, z.B. S. Giovanni, die von S. Maria di Idris erreichbar ist und ein sehenswertes Bild der hl. Jakobus und Petrus enthält. Erschüttert war man doch von der Anlage einiger die­ser Kirchen, über denen die Menschen manchmal ihre Friedhöfe in den Stein hinein ge­schlagen hatten. Angesichts dieser Kirchen fragte man sich, ob Christus nicht doch bis in diese Sassi gekommen ist und nicht im fernen Eboli, wie der Maler und Schriftsteller Carlo Levi mit seinem berühmt gewordenen Buch meint, halt gemacht hat.

Vertiefen konnten wir dieses Thema in Grassano, wo Carlo Levi interniert war. In die­sem Ort, der von Levi als so trostlos dargestellt wird, sahen wir Wohnungen, in denen der Autor verkehrte, geführt von der Enkelin eines Hausbesitzers aus der Zeit von Levis Inter­nierung. Gern entnimmt man einem Brief Levis an seine Mutter zwei Tage nach seiner An­kunft, dass er in Grassano bei aller Trostlosigkeit doch Menschen gefunden hat, die „menschlich und verständnisvoll“ (umane e comprensive) geblieben waren. Fürwahr ein Trost für alle Besucher Materas!

Bei der Abreise aus Matera mag sich bei manchen von uns eine tiefe Erinnerung an diese Region Salento gebildet haben, die spürbar und sichtbar in griechisch-römischer Zeit eine geistige und materielle Blüte erlebt hat, wo u.a. Pythagoras, Ennius und Horaz wirk­ten, die in byzantinischer, normannischer und staufischer Zeit zu den geistigen Zentren des Abendlandes zählte. Wir spürten auch die folgende Verödung einiger Teile einer sol­chen Region, doch wohl auch den gegenwärtigen Aufschwung, der z.B. an den riesigen Gemüsefeldern, den Wein- und Obstplan- tagen sichtbar wird. Für den Verfasser dieser Zeilen bleibt: Wenn man in Lecce und Matera wohnt und das Salento erlebt, scheint es, man gewinne einen gewissen Abstand von der eigenen Lebensform; man versu­che, mit anderen Maßen zu messen, Urteile aus heutiger Sicht zu überprüfen und Sichtweisen ver­flossener, aber doch noch stets präsenter Kulturen und Zivilisationen zu bedenken und zum „Existenziellen“ vorzudringen. Dem Ehepaar Christa und Klaus Tränkle sei herzlich gedankt für die so sorgfältige Organisation dieser erfreulichen und bereichernden Reise!

 

Ernesto Grassi

Humanismus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus

Gedanken zum neuen Buch unseres Mitglieds Professor Dr. Wilhelm Büttemeyer

Ein deutsch-italienisches Thema behandelt Prof. Dr. Wilhelm Büttemeyer, langjähriges Mit­glied unserer DIG, in seinem kürzlich herausgegebenen Buch Ernesto Grassi – Humanis­mus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus. Dieses scheint mir vor allem wegen seiner äußerst detaillierten Quellenarbeit für den Fachmann, den Philosophen, ein unver­zichtbares Werk. Doch ist es auch für den „Durchschnittsleser“, den interessierten Laien, lesbar und lesenswert? Ich meine „ja“. Es ist bereichernd, da es eine Übersicht über das geistige Leben in Italien und Deutschland aus der Sicht eines Philosophen gibt. Das me­thodische Vorgehen des Autors kommt dabei dem Leser in vielfältiger Hinsicht entgegen: In streng chronologischer Abfolge wird die intellektuelle Entwicklung Grassis in einem um­fangreichen zeitgeschichtlichen Zusammenhang von dessen Jugend in Mailand bis zum Jahre 1948 dargestellt. Grassis weitere so erfolgreiche Schaffensperiode nach 1948 in München ist zwar nicht mehr Thema des Buches; die zahlreichen Veröffentlichungen von Büchern und Reihen wie z.B. Kunst und Mythos, Die Theorie des Schönen in der Antike, rowohlts deutsche enzyklopädie, Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft erhö­hen den Anreiz, sich mit dem Wirken des Philosophen zu beschäftigen. Seine Vaterstadt Mailand, liebevoll und ausführlich als traditionsreiche Stadt beschrieben, und die Darstel­lung seines (katholisch geprägten) Schulbesuchs bieten den frühen geistesgeschichtlichen Hintergrund; Grassis Besuche bei seinen Verwandten in Deutschland erweitern seinen Gesichtskreis. Auch eine andere Art des methodischen Vorgehens erweist sich als außer­ordentlich geschickt und besonders für den Nicht-Fachmann als nützlich: Der Autor führt häufig in die zeitgeschichtliche Gesamtsituation ein (z.B. Einigung Italiens nach 1860, Trennung von Staat und Kirche, konservativer Katholizismus und neuer Liberalismus); dann beschreibt er Grassis Befinden in diesem Umfeld (seinen Einsatz für die Bedeutung der katholischen Tradition für den gesellschaftlichen Zusammenhalt), um dann in einem dritten Schritt die Ansichten Grassis zu bewerten. Der parallele Gedankengang hinsichtlich der Errichtung des Deutschen Reiches rundet das Bild ab: Ursprünglich habe die deutsche Nation auf der Grundidee der idealistischen Philosophie beruht; diese habe sich jedoch im 1. Weltkrieg ebenso wie der Individualismus nicht als tragfähig erwiesen; eine Neuordnung könne nur durch eine katholische Konzeption erreicht werden. Ähnlich deutlich wird diese für den Leser nützliche Darstellungsweise in folgendem Beispiel: Der Autor gibt den (anti­demokratischen) Inhalt einer Rede Mussolinis aus dem Jahr 1922 wieder, stellt dann Gras­sis (pazifistische, religiös-philosophische) Einstellung dagegen, um dann in einer dritten Stufe eine ausführliche kritische Deutung vorzunehmen. Dem Leser werden da- durch das Mitdenken und sogar eine eigenständige Wertung ermöglicht. Nachvollziehbar wird auch ein Gedankengang, der im ganzen Buch eine Rolle spielt, nämlich Grassis vorsichtige Ab­wendung von dem angeblich mehr auf Transzendentes ausgerichteten Mittelalter hin zum Humanismus und zur Renaissance mit ihrer Vorstellung der Autonomie des Individuums. Doch mussten nicht schon bei Machiavelli die Individuen durch die besondere Individuali­tät eines Machtmenschen abgelöst werden? Dem geisteswissenschaftlich Interessierten wird dann die Auseinandersetzung mit dem Tragischen lesenswert erscheinen. Ausgehend vom Idealismus (und dessen Verständnis vom „Leiden“ als sinnlicher Erfahrung der Wirk­lichkeit?), kommt Grassi zum Tragischen in seinen unterschiedlichen Formen von der grie­chischen Antike bis in die Moderne. Der „moderne“ Leser mit seinem ihm immanenten Wunsch, das Ewige zu ergreifen, das sich ihm jedoch immer wieder entzieht, sieht sich existenziell in einer tragischen Situation. Im Bereich der Erkenntnistheorie sieht sich der Mensch der Neuzeit dann auch konfrontiert mit dem unauflösbaren Widerspruch des schöpferischen menschlichen Geistes mit seinem immanenten Wert auf der einen Seite und der Transzendenz Gottes auf der anderen.

Je mehr sich im Verlauf seiner Lebensjahre das philosophische Denken Grassis entwi­ckelt, desto drängender stellt sich auch die Frage, wie freies Denken, wie frei denkende Menschen unter dem faschistischen Regime in Italien und dem national-sozialistischen Deutschlands intellektuell und existenziell überleben können, eine Frage, die für uns heute noch hochaktuell ist. Grassi, der von 1928 bis 1932 in Freiburg lebt, möchte seinen Aufenth­alt an der dortigen Universität verlängern, da in Italien ab 1931 von Hochschulleh­rern verlangt wird, dass sie dem faschistischen Regime die Treue schwören. Dieses fiel vielen schwer zu der Zeit, als in Italien von „einer transzendentalen Gesellschaft in einem starken, kriegerischen Staat faschistischer Konstitution“ die Rede war, „dem gegenüber die Staatsbürger eine religiöse Haltung einnehmen sollen“. Mit Interesse wird der Leser nun die Reaktion einiger Philosophen und Altphilologen (Heidegger, Husserl...) auf die völ­lig veränderte politische Situation nach dem Ermächtigungsgesetz im Jahr 1933 aus dem Blickwinkel Grassis verfolgen, der auf der einen Seite entsetzt zu sein scheint über die po­litische Haltung Heideggers, selber aber auch 1933 der Faschistischen Partei beitritt und Italiens aggressive Eroberungspolitik in Afrika gutheißt. Wie aber hätte ein Wissenschaftler unabhängig forschen und lehren können, wenn Rosenberg, Himmler, Goebbels und ande­re „Größen“ der Zeit die Richtung vorgeben?

Mit dieser Frage wird der Leser immer stärker beschäftigt. Konnten die Philosophen und Alt-philologenn mit der Zielsetzung eines „wahren“ Humanismus auf der Grundlage einer Platonlektüre den Leser noch tief in die deutsche Geistesgeschichte führen mit deutlicher Abgrenzung vom Neuhumanismus und Klassizismus (Winckelmann, Goethe, Humboldt), so ändert sich spätestens ab 1938 die Entwicklung. Die Politik erhält wachsende Bedeu­tung und wird nun von Grassi neben der Philosophie und Dichtung als selbstständige Form des Logos angesehen. Mit größtem Interesse wird der an der deutsch-italienischen Geistesgeschichte Interessierte verfolgen, wie die befreundeten Mächte aus politischen Gründen jeweils ihr eigenes Gedankengut einbringen wollen. So beansprucht Grassi den kulturellen Primat, den Vorrang für Italien, das Ursprungsland der humanistischen Bewe­gung, da ja die Verbindung zur römisch-griechischen („römisch“ vorangestellt!) Welt in Itali­en ungebrochen sei. Die deutsche Ideologie kann dagegen nur umständlich auf die angeb­liche Blutsverwandtschaft mit den Griechen und Römern und auf die arische, indogermani­sche Wurzel verweisen. Dieser Humanismus sieht den Menschen nicht primär in der allge­meinen Menschlichkeit, sondern in der völkischen Gemeinschaft, deren deutsch-nationa­len Wurzeln eher bei Ulrich von Hutten zu suchen sind.

Lesenswert, besonders auch für den Philologen, ist in diesem Zusammenhang der Ver­such Grassis, eine eigenständige italienische Philosophie zu begründen. Diese bestehe nach seiner Meinung in der Frage nach dem Wort und beruhe da- mit auf der Übersetzung antiker Texte. Neue Welten würden durch diesen humanistisch-philosophischen Ansatz er­schlossen, da das Wesen des Menschen in der Verwendung des Wortes liege. Die Abwä­gung dieser Gedanken durch den Buchautor gibt auch dem nicht eingeweihten Leser Kri­terien zur Beurteilung an die Hand.

Der Einfluss der Politik wird weiterhin auch deutlich bei der Beurteilung des „Ruhms“. Die Neigung, hierbei nicht mehr Platon zu folgen, wird immer stärker, da für diesen der Ruhm eher der Vernunft als der Tapferkeit gebühre; dagegen müsse jedoch der Ruhm des Kriegshelden stehen, wie er u.a. in den Gedichten des Tyrtaios dargestellt worden sei. Ita­lien möchte sich gern als Hort humanistischer Ideale sehen. Grassi, der auch von Mussoli­ni empfangen wurde, hat es wie viele andere immer schwerer, den jeweils „richtigen“ Hu­manismus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus zu finden. Hierbei überrascht es den Leser, wie offensichtlich unbeeindruckt vom barbarischen Kriegsgeschehen der Lehr­betrieb in Deutschland weiterläuft. Doch was geschieht, als 1943 aus den einst befreunde­ten Deutschen „barbarische Besatzer“ Italiens werden? Wie kann Grassi nach dem Krieg in der Schweiz und in Deutschland seine Arbeit fortsetzen? Kann er weiter den „italieni­schen“ Humanismus mit dem Postulat, dieser habe einen rein italienischen Ursprung, in Deutschland vertreten? Das Buch gibt reichlich Anregungen für die Betrachtung der deutsch-italienischen Geisteswelt. Der Schreiber dieser Zeilen hat – einige Aspekte, die z.B. der Datierung gewidmet sind, weglassend – das Buch mit reichem Gewinn gelesen, zumal es, was heutzutage nicht selbstverständlich zu sein scheint, mit äußerster sprachli­cher Richtigkeit geschrieben ist. Als Vorsitzender der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Oldenburg wünscht er dem Verfasser mit diesem Buch viel Erfolg.

Prof. Dr. Wilhelm Büttemeyer, Ernesto Grassi- Humanismus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus, 448 Seiten, Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 29,- €.

(Th. Douwes)

Von Genua nach Marsala

Einigung Italiens vor 150 Jahren – Napolitano fordert Einsatz für die Einheit

Wir sind abends am 5. Mai 1860, also vor 150 Jahren, in Genua, genauer: in Quarto. Eine Gruppe von etwa vierzig schwer bewaffneten Männern zwingt die Besatzung der Lombar­do und der Piemonte, ihre Schiffe zum Auslaufen vorzubereiten. Bald verlassen sie den Hafen. Leise gleiten sie wenige Minuten an der Küste entlang, erreichen eine kleine Bucht, wo eine große Zahl von Männern jeden Alters sie erwartet. Unter ihnen sticht einer mit sei­ner entschlossenen Miene hervor und übernimmt sofort das Kommando: Giuseppe Garib­aldi. „Amici, noi partiamo!“ (Freunde, wir brechen auf!), ruft er. Die Fahrt gen Süden mit 1064 Soldaten, die Spedition der Tausend, „la spedizione dei Mille“ beginnt. Die Fahrt führt nach Sizilien. Unterwegs, in Talamone (südliche Toskana), ist ein Zwischenstopp. Garibaldi nimmt schwerere Waffen an Bord. Hier verlassen allerdings auch etwa 300 Soldaten die Schiffe, die als republikanisch gesinnte nicht unter dem Motto „Italia e Vittorio Emanuele“ kämpfen wollen. Das Ziel Garibaldis ist, das von Spanien beherrschte Königreich beider Sizilien für Italien zu gewinnen und die Einheit Italiens voranzutreiben, was ihm ja auch ge­lang.

Die Geschichte Italiens erhält dadurch eine ganz entscheidende Wende, ja, in einem gewissen Sinn erhält das Land erst eine Geschichte, denn nach Meinung Metternichs auf dem Wiener Kongress war „Italien ja nur ein geographischer Ausdruck“. („L` Italia? `E solo un`espressione geografica“). Und der Kaiser von Österreich fügte im Jahre 1814 noch hin­zu: „Es ist nötig, dass die Lombarden vergessen, Italiener zu sein.“ Inzwischen ist aber schon ein großer Teil Norditaliens den Österreichern entrissen worden und gehört nun zum Reich des Königs von Sardinien, der im Piemont lebt: Vittorio Emanuele, der zum großen Schmerz Garibaldis u.a. Nizza an Frankreich abtreten musste. Mit ihm und dem sabaudischen (von Savoyen) Königshaus eng verbunden ist Camillo Benso di Cavour, der eine liberale, jedoch monarchische Entwicklung anstrebt (im Gegensatz zu Giuseppe Maz­zini, der eher eine republikanische Einstellung vertritt und in Trauer um das noch nicht ver­einte Vaterland immer in Schwarz gekleidet gewesen sein soll). Der Mann der Tat ist aber Garibaldi, dessen Aktionen jedoch vom König und von Cavour mit großer Skepsis und Zu­rückhaltung betrachtet werden. Am 11. Mai 1860 landet er, vielleicht unbemerkt von der bourbonischen Flotte (deren Führer möglicherweise von Cavour bestochen worden waren) mit seinen Soldaten in den roten Hemden in Marsala. Seine Worte „Qui si fa l`Italia o si muore“ (hier wird Italien gebildet, oder es wird gestorben) zeigen seine Entschlossenheit. Es gelingt ihm, was vor ihm keinem gelungen ist, die Bauern und Landbewohner Siziliens für sich und für die Sache („Freiheit von der Fremdherrschaft“) zu gewinnen, jedenfalls am Anfang, solange sie noch auf die Befreiung von bourbonischen Steuern und Aufteilung der Latifundien hoffen konnten. Sogar ein Teil des Adels unterstützt ihn, der sich gegen­über dem Hof in Neapel zurückgesetzt fühlt. Garibaldi besiegt in den folgenden Monaten, unterstützt von vielen sizilianischen Soldaten (den picciotti siciliani), die bourbonischen Truppen und kann im Oktober 1860 in Teano (nördlich von Neapel) dem ihm entgegen zie­henden Vittorio Emanuele II den Süden als befreit übergeben und ihn zum ersten Mal mit „König von Italien“ („Re d`Italia“) anreden.

Wir schreiben den 5. Mai 2010. In Erinnerung an die Spedition der Tausend steuern wie- der wie vor 150 Jahren zwei Schiffe von Genua (Quarto) in Richtung Marsala. Der Staatspräsident, Giorgio Napolitano, legt einen Lorbeerkranz an einem Erinnerungsmal nieder. An Bord des Flugzeugträgers Garibaldi hält er dann die offizielle Festrede. An sei­ner Seite stehen Renato Schifani, der Senatspräsident, außerdem Ignazio la Russa, der Verteidigungsminister, sowie Gianfranco Fini, der Präsident der Abgeordnetenkammer. „Die Erinnerungsfeier ist keine verlorene Zeit und kein verschwendetes Geld“ (non tempo perduto e denaro sprecato), so ruft der Staatspräsident den Menschen zu, besonders wohl gerichtet an diejenigen, die den Süden lieber wieder vom Norden getrennt sähen. Er denkt dabei wohl an Bossi von der Lega Nord, der polemisiert, dass keiner von der Lega einge­laden wurde. In der Presse (z.B. La Repubblica, 5. Mai) wird Bossis Ausspruch verkündet: “Damals wollten die Lombarden frei von Österreich sein, aber sie hatten tausend Zweifel, was die Einheit betrifft, und im Jahr 1859 sangen sie `la bella gigogin`“ (ein stark antiöster­reichisches Lied). (All`epoca i lombardi volevano la libertà dall` Austria ma avevano mille dubbi sull`unità e nel 1859 cantavano la bella gigogin`).

Es ist der 11. Mai 2010. Es weht ein frischer Wind wie vor 150 Jahren, wie es heißt. Die Schiffe erreichen Marsala. Die Schüler haben schulfrei. Sie tragen rote Mützen und halten die Bandiera Tricolore in der Hand. Auch hier tritt der Staatspräsident, Giorgio Na­politano, wieder mit dem Verteidigungsminister auf. Er ehrt besonders die „Garibaldiner“ und die Opfer der Einigungs- und Befreiungskriege. Besonders beschwört er aber die Ein­heit Italiens, die „ein außergewöhnliches und fundamentales kollektives Erbe des italieni­schen Volkes ist“ („è uno straordinario e fondamentale patrimonio collettivo del popolo ita­liano“). Unter dem Beifall vieler Menschen, wie u.a. La Stampa schreibt, fügt er hinzu, dass „eine Trennung des Nordens vom Süden ein Sprung ins Dunkle ist“ (che secessione è un salto nel buio). Was empfinden heute, was empfanden vor 150 Jahren die Menschen im Süden von der Einigung? Einige von ihnen behaupten, der Norden (die aus Piemonte) habe den Süden ausgebeutet und ihnen keine Freiheit gebracht, was Neapolitano deutlich zurückweist. Umgekehrt behaupten z.B. Bossi und seine Mitstreiter innerhalb der Lega Nord, der Mezzogiorno (Süden) sei eine ständige Last für den Norden, was Neapolitano ebenso entschieden zurückweist.

Doch blicken wir zurück: Zunächst war z.B. auf Sizilien die Begeisterung für die Einheit Ita­liens groß. In einer Volksbefragung stimmten die Sizilianer mit rund 432000 Stimmen bei nur 660 Nein-Stimmen für die Einigung unter dem König aus dem Norden. Eine Hymne an Garibaldi, die bald von dem jetzt fast vergessenen E. Del Preite erschien, feiert Garibaldi als Befreier und zeigt die Zufriedenheit, „in Italien nur noch einen König zu haben:

L ́Inno a Garibaldi
Viva l`Italia! E vivano i prodi suoi soldati ... o salvator die popoli, liberi siam per te alfin la bella Italia ha solo un Dio e un re...

Es lebe Italien! Es mögen leben seine tapferen Soldaten! O Retter der Völker, frei sind wir durch dich. Endlich hat das schöne Italien nur einen Gott und einen König.

Doch bald machen sich Missverständnisse und Enttäuschungen breit, die sich letztlich auch gegen Gariballdi richten. Dieser hatte nämlich politische Ziele verfolgt: Einigung Itali­ens unter Befreiung von Fremdherrschaft; die Landbewohner Siziliens hatten soziale Erfol­ge erwartet: ein Stück Land nach Auflösung der Latifundien, was nun natürlich auch den Adel, der um seine Privilegien fürchtete, erschreckte. Als nun auch noch immer mehr Steu­ern erhoben wurden, z. B. die tassa sul macinato (Steuer auf Mahlen von Getreide), wel­che besonders die Ärmsten traf, war die Desillusion groß. „La libertà non è pane“ (Freiheit ist nicht Brot) wurde zum Schlachtruf. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich die Einführung der Wehrpflicht, die es auf Sizilien nie gegeben hatte. Hier gab es nur Freiwilli­ge, und es hielt sich das Wort „meglio porco che soldato“ (lieber ein Schwein als ein Sol­dat). Diese Entwicklung führte schon 1861 zum banditismo bzw. brigantaggio, der sich ge­gen die Staats- macht richtete. Parallel kämpften kirchliche und pro-bourbonische Kreise für eine Rückkehr zu politischen Verhältnissen vor dem Jahr 1860. Tatsächlich fühlte der Süden sich ausgebeutet, weil er 66% zum Budget des Staates beitrug (Quelle: Correnti, Storia della Sicilia), so dass schließlich sogar Garibaldi im Jahre 1868 schrieb:„Ich würde den Weg in den Süden nicht noch einmal machen aus Angst, gesteinigt zu werden“ (Non rifarei la via del Sud, temendo di essere preso a sassate). Ist es angesichts dessen ein Wunder, dass sich 1943 nach 83 Jahren der Einigung eine starke „Bewegung für die Un­abhängigkeit Siziliens“ bildete und auch heute noch trotz der erheblichen finanziellen Un­terstützung Vorbehalte gegen den Norden im Süden spürbar sind?

Einige Schriftsteller machten es schon früh zu ihrer Aufgabe, ein Gefühl für die Zuge­hörigkeit zu einer Nation bei den Menschen zu entwickeln, eingedenk des Ausspruchs D`Azeglios am Tage nach der Einigung: „L`Italia è fatta, adesso bisogna fare gli italiani“ (Italien ist gemacht, nun ist es nur noch nötig, die Italiener zu machen). In diesem Sinne schreibt E. De Amicis das heute sehr naiv wirkende Buch Cuore, eine Übersicht über die Themen eines Schuljahres für einen neunjährigen Jungen. Dieser soll in der Schule und durch den Lesestoff gleichsam geformt, gebildet werden und z.B. lernen, dass das Königs­haus in Turin ehrenhaft und solidarisch ist und dass alle, Reiche und Arme, in gegenseiti­gem Respekt miteinander leben müssen. Und wird nicht auch im Pinocchio der „neue“ Mensch geformt, der moralische und soziale Pflichten übernehmen muss? Noch deutlicher geht der große Schriftsteller Giovanni Verga aus Catania auf diese Problematik ein. In sei­ner Novelle Libertà stellt er die Distanz zwischen der „Sache der Enterbten und Armen“ (causa dei diseredati) und den politischen Zielen des Zugs der Tausend dar, die fast para­doxerweise dazu führte, dass Garibaldi gegen die rein sozialen Ziele der Bauern die „ga­lantuomini“ zu stärken schien. In Vergas Werk Novelle rusticane spiegelt sich die schwieri­ge Situation auch wider: In Bronte, einem landwirtschaftlichen Zentrum am Hang des Ätna, hatten die besitzlosen „braccianti“ einen spontanen Aufstand gemacht, der leicht von Leu­ten Garibaldis niedergeschlagen wurde. Die Rädelsführer wurden zum Tode verurteilt. Es blieb, in der Novelle schön dargestellt, ein Klima der Resignation und des Fatalismus (di rassegnato fatalismo). Auch heute noch werden den Menschen im Süden gern Fatalismus und Mangel an Eigeninitiative vorgeworfen. Doch sind sie nicht vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung erklärbar? Nur gut, dass der Staatspräsident Napolitano den Menschen im Süden Mut gemacht und Verständnis geschenkt hat!

Sandro Bondi, der Kultusminister Italiens, hat jetzt schon den 17. März 2011 zum National­feiertag erklärt in Erinnerung an den Tag, als 1861 zum ersten Mal ein italienisches Parla­ment tätig wurde. Wir können gespannt sein, wie dann die italienische Öffentlichkeit rea­gieren wird.

(Th. Douwes)

 

Vor 140 Jahren: Die Bresche an der Porta Pia – Rom wird Hauptstadt

Napolitano: Rom ist heute mehr Hauptstadt als je zuvor

Sehr festlich verlief im September 2010 die Feier zur Erinnerung an den Tag der Erobe­rung Roms für das junge Königreich Italien und an das damit verbundene Ende des tau­sendjährigen Kirchenstaates und der weltlichen Macht des Papstes. Der Staatspräsident Napolitano richtet in der Altstadt an der Porta Pia an die zahlreichen Zuhörer die Worte „Roma capitale più che mai“ (Rom mehr Hauptstadt als je zuvor) und legt einen Lorbeer­kranz am Denkmal für die dort Gefallenen nieder. Dann begibt er sich zum Kapitol. Auf dem prächtigen, von Michelangelo gestalteten Kapitolsplatz wird er unter den Klängen der Nationalhymne mit herzlichem Applaus empfangen. Der Oberbürgermeister Roms, Gianni Alemanno, führt ihn in den Festsaal des Kapitols, die „Aula Giulio Cesare“, wo er in seiner Festansprache vor allem die Bedeutung Roms als Hauptstadt für die Identität der italieni­schen Nation betont.

An seiner Seite steht der Kardinal Tarcisio Bertone, der Vertreter des Vatikan. In einem fei­erlichen Stil preist er die „undiskutierbare Wahrheit, dass Rom die Hauptstadt Italiens ist“ (indiscussa verità di Roma capitale d`Italia). In einem Gebet dankt er Gott, dass in Hinblick auf Rom durch dessen Vorsehung „die einträchtige Zielübereinstimmung“ eingekehrt sei, „wo früher der Gegensatz vorgeherrscht habe“ (concordia di intenti dove aveva prevalso il contrasto). Er fügt dann hinzu, dass der Vatikan zum ersten Mal bei einer solchen Erinne­rungsfeier vertreten sei, und deutet diese Teilnahme als Entspannung des (lange gespann­ten) Verhältnisses zwischen Staat und Vatikan.

Warum muss der Kardinal das erwähnen? Was ist der Grund dieser Feier? Ein Blick auf den historischen Hintergrund mag die qualvolle Entwicklung von einst bis zur erfreulichen heutigen Situation ein wenig erläutern.

Ungewöhnlich entspannt erschien ab 1846 das Verhältnis zwischen Kirche und den libera­len Kräften in Italien: Soeben war Pius IX gewählt worden, der der Papst der Toleranz und der liberalen Ideen wurde. Sein Editto del perdono („Edikt des Vergebens“) gewährte den aus politischen Gründen Verurteilten großzügige Amnestie. Kein Wunder, dass die Reso­nanz groß war. Vom Norden bis zum Süden der italienischen Halbinsel vervielfältigten sich die Demonstrationszüge der Menschen mit dem Ruf „Viva Pio IX.“ auf den Lippen; Mazzini erklärte sich aus seinem Exil in London bereit, sich an die Spitze einer liberal-nationalen Bewegung zu stellen; und Garibaldi, der zu der Zeit in Amerika für die Freiheit Uruguays kämpfte, bot sein Schwert auch für den nationalen Einigungskampf in Italien an. 1847 gewährte der Papst eine (begrenzte) Pressefreiheit und weitere Freiheiten, die, ausgehend vom Kirchenstaat, auch zu vorsichtigen Reformen im Piemont und in der Toskana, ja sogar im Königreich beider Sizilien führten. Der Ruf nach mehr von der Verfassung geschützter Freiheit wurde bald immer größer, und nun zeigte sich dem Papst die Schwierigkeit, den autoritär- en Charakter des Kirchenstaates mit einem Verfassungsstaat in Einklang zu bringen. Doch die liberale Bewegung war reif für den nationalen Unabhängigkeitskrieg.

„Reif war“ für Cavour auch die „Schicksalsbestimmung Italiens“ (i destini d`Italia erano or­mai maturi), wie er den „Völkern der Lombardei und des Veneto“ in seiner Zeitung Il Risor­gimento verkündete, und am 23. März 1848 erklärte Carlo Alberto (Piemont) Österreich den (Unabhängigkeits-)Krieg, der für die nationale Bewegung Italiens nicht glücklich ver­lief.

In Rom verlangten revolutionäre Kräfte im November 1848 eine verfassungsgebende Na­tionalversammlung. Der Papst, der sich nun bedroht sah, floh nach Gaeta und stellte sich unter den Schutz des Königs von Neapel. Als nun am 21. Januar 1849 die verfassungsge­bende Versammlung die weltliche Macht (il potere temporale) für beendet erklärte und die „Römische Republik“ ausrief, blieb dem „liberalen“ Papst nichts anderes übrig, als die Ex­kommunikation gegen die neue Regierung und die italienischen Staaten zu richten, die nach einer Verfassung strebten. Außerdem richtete er einen dringenden Hilferuf an die ka­tholischen Staaten Europas: Spanien schickte nun ein Heer, das sich nach unbedeuten­dem Einsatz zurückzog; das Heer des Königreichs beider Sizilien wurde von Garibaldi bei Palestrina besiegt (1849); Österreichs Heer rückte bis Bologna und Ancona vor; Frank­reichs Heer unter General Oudinot wurde bei Rom zunächst von Garibaldi besiegt, konnte aber im Juli 1849 in Rom einmarschieren und die weltliche Macht des Papstes wieder si­chern. Bei den Kämpfen starb übrigens auch infolge einer Verwundung im jugendlichen Al­ter Goffredo Mameli, der Dichter der Nationalhymne („il giovanissimo poeta-soldato“). Die revolutionäre Bewegung war gescheitert. Pius IX kehrte nach Rom zurück, die reaktio­nären Kräfte stabilisierten sich.

So war Rom schließlich auch nach der 1860 erfolgten Einigung unter der Führung Pie­monts noch in der Hand des Papstes. Cavour forderte lauthals im Parlament, Rom müsse die Hauptstadt werden, nicht Turin, denn ohne Rom als Hauptstadt Italiens könne Italien nicht geschaffen werden („senza Roma capitale d`Italia, l`Italia non si può costituire“).

Die Fronten zwischen dem Papst und dem neuen Italien blieben jedoch verhärtet. Bitten von Seiten des Staates, über das Problem „Rom Hauptstadt“ friedlich zu verhandeln, wur­den von Pius IX. nicht einmal beantwortet. Ein Versuch Garibaldis, die Grenzen des Kir­chenstaates zu überschreiten, wurde von Napoleon III. zurückgeschlagen; andere Versu­che wurden von den Soldaten des Papstes blutig unterdrückt. Auf die Frage, wann denn Rom die Hauptstadt werden könne, riefen die Franzosen, militärisch überlegen durch ihre modernen „chassepots“, das berühmt gewordene „jamais“ (giammai) aus.

Doch es kam anders. Als Frankreich durch den Krieg mit Preußen 1870/71 geschwächt war, nutzte der General Cadorna die Gelegenheit, mit Waffengewalt Rom für das König­reich Italien zu annektieren. Vor dem Waffengang hatte König Vittorio Emanuele II. noch einen Brief geschickt mit der Bitte um eine friedliche Einigung durch Verhandlungen, er­hielt aber vom Papst als Antwort nur die berühmt gewordenen Worte „non possumus“ (wir können nicht). Am 20. September 1870, also vor 140 Jahren, kam es zur „breccia di Porte Pia“, das italienische Heer marschierte in die Ewige Stadt ein. Zuvor war der schwache Widerstand der päpstlichen Truppen leicht gebrochen worden. Diese hatten vom Papst den Befehl erhalten, weitgehend nur passiven Widerstand zu leisten, um ein Blutvergießen zu vermeiden. Rom wurde Hauptstadt, Vittorio Emanuele nahm seine Residenz in Rom.

Die folgenden Verhandlungen zwischen Papst und Staat waren außerordentlich schwierig. Der Staat verhandelte mit der alten Forderung Cavours „Freie Kirche in einem freien Staat“. Dieser wollte dem Papst die volle Souveränität gewähren (persönliche und diplo­matische Immunität, Austausch von Botschaftern), ferner den Vatikanstaat als extra-territo­riales Gebiet garantieren und eine jährliche Geldsumme zahlen. Der Papst ließ sich jedoch nicht bewegen, und somit blieb die römische Frage nur halb gelöst: Aus der römischen Frage („questione romana“) wurde die katholische Frage („questione cattolica“). Pius IX. erklärte sich zum Gefangenen einer fremden Besatzungsmacht und zeigte volle Unver­söhnlichkeit (piena intrasigenza) dadurch, dass er das Dekret „non expedit“ („es ist nicht förderlich“) herausgab. Nun war es den Katholiken verboten, am politischen Leben des ita­lienischen Staates teilzunehmen. Der neue Staat Italien wurde vom Vatikan nicht aner­kannt, der in einer Position unversöhnlicher Gegnerschaft verharrte. Noch im Jahre 1900 reagierten weite Teile der Kirche erfreut, als König Umberto I. von einem Anarchisten er­schossen worden war. Eine nationale Identität konnte sich so in Italien nicht entwickeln.

Erst 1929, als die Faschisten unter Mussolini schon an der Macht waren, konnte mit den Lateranverträgen die katholische Frage gelöst werden.

Doch sind die Wunden, die 1870 geschlagen wurden und der Einheit Italiens so abträglich waren, jetzt endlich wirklich geheilt, nun zum ersten Mal ein Vertreter des Vatikan an der Einnerungsfeier teilgenommen hat?

(Th. Douves)

Freiheitskriege und Nationalhymne

Va` pensiero oder Fratelli d`Italia?

Giuseppe Mazzini, der große Vorkämpfer der Einigung Italiens, hatte sich gewünscht, ein überragender Komponist möge mit seiner Musik dem Wunsch des Volkes nach einem ge­meinsamen Vaterland zum Ausdruck bringen. Diese Rolle übernahm Giuseppe Verdi. Sei­ne Werke, besonders „Nabucco“, aber auch „ Die Schlacht von Legnano“, stärkten das Gefühl der Identität im gemeinsamen Streben nach Freiheit. Sein Và, pensiero, sull`ali dorate wurde als „Gefangenenchor“ die „heimliche“ Nationalhymne.

Es waren Schüler des liceo classico Cavour, die das „Va`, pensiero“ bei der Staatsfeier im Juni 2010 in Erinnerung an die Geburt Cavours vor 200 Jahren anstimmten. Der Staats­präsident Giorgio Napolitano war in dessen Geburtsort Santena gereist und hob die Be­deutung des Staatsmannes für den Kampf Italiens um Freiheit und Unabhängigkeit hervor. Er nannte ihn bei der Gelegenheit den massimo, sapiente artefice e regista dell` unifica­zione italiana (La Repubblica, 6. Juni 2010) (den größten, weisen Urheber und Regisseur der italienischen Einigung).

Cavours Politik, die Mitte zwischen liberal-freiheitlichen und konservativ-monarchischen Einstellungen wahrend, war so auch von Maß und Umsicht geprägt gewesen. Passte nun, im Juni 2010, das Va`, pensiero besser zu der Feier als das Fratelli d`Italia, das seit 1946 die offizielle Nationalhymne ist? Der Text, geschrieben schon 1847 mitten im Freiheits­kampf von dem jugendlichen „poeta-soldato“ Goffredo Mameli, passt hervorragend zu dem „Zeitgeist“ in den Jahren der Unabhängigkeitskämpfe, in denen Mameli verwundet wurde und an den Folgen der Verwundung starb. Ein Blick auf einige Zeilen des etwas sperrigen Textes mit seinem heute etwas fremd wirkenden Inhalt mag die allgemeine politische und emotionale Stimmung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach 1815 wiedergeben.
Fratelli d`Italia l`Italia s` è desta, dell`elmo di Scipio s` è cinta la testa...(Brüder Italiens, Italien hat sich erhoben, den Helm des Scipio hat es sich auf das Haupt gesetzt...) 
Die leidenschaftliche Hinwendung zu den Brüdern appelliert an das Gemeinsame, das so lange vermisst wurde: „Italien“ ist das gemeinsame Ziel, nicht mehr die einzelne Region oder der einzelne Kleinstaat. Die Erwähnung Scipios, des großen Siegers über Karthago vor mehr als 2000 Jahren, er- innert die kämpfenden Italiener an das große Erbe Roms, das „nationale Patrimonium“; in militärischer Hinsicht werden diese ermutigt, mit einem ähnlichen Feldherrn und einem ähnlichen Heer zu kämpfen. Für einige schwang wohl auch die Erinnerung an den elitären Kreis um die Scipionen mit, die im 2. Jahrhundert vor Chr. Geb. in einer Symbiose griechischen und römischen Denkens die „römische Humani­tas“ herausbildeten, auf die viele Jahrhunderte später der „italienische Humanismus“ noch zurückgreifen konnte.

...Stringiamoci a coorte! Siam pronti alla morte! Italia chiamò. Noi siamo da secoli calpesti, derisi; perché non siam populo perché siam divisi. Dall`Alpe a Sicilia dovunque è Legna­no... Già l`aquila d`Austria le penne ha perdute...

(Lasst uns eng zusammenrücken zu einer Kohorte! Lasst uns bereit sein zum Tode! Italien hat gerufen. Wir sind seit Jahrhunderten mit den Füßen getreten, verspottet worden, weil wir nicht ein (einziges) Volk sind, Weil wir geteilt sind. Von den Alpen bis Sizilien ist überall Legnano... Schon hat der Adler Österreichs seine Federn verloren...)

Die Kohorte war eine Kampfeinheit der römischen Legion. In der Neuzeit haben im Jahr 1813 die Franzosen die Nationalgarde in „cohortes“ eingeteilt. „Coorte“ erhält durch diese Anreicherung des Wortsinns für das Empfinden der Freiheitskämpfer etwa die Bedeutung „nationale Kampftruppe für Freiheit“. Der Aufruf, „zusammen zu rücken“ und „zum Tod be­reit zu sein“, erscheint heutzutage reichlich pathetisch. „Italien hat gerufen“ nimmt im Grunde das Ergebnis „Italien“ schon vorweg, denn 1848 war das Land doch noch auf dem Wege zu seiner nationalen Einheit.

Ein Appell an das Ehrgefühl sind die folgenden Verse in der pathetisch wirkenden paralle­len Darstellung mit dem Hinweis auf den Spott und die Erniedrigungen, denen die Italiener wegen der noch immer fehlenden nationalen Einheit ausgesetzt sind. Zu dieser Zeit (1849) hat Verdi die Oper „Die Schlacht von Legnano“ komponiert und die erfolgreichen Freiheits­bestrebungen der Mailänder vor fast tausend Jahren gegen den (fremdländischen) Kaiser Barbarossa verherrlicht und zusätzlich dazu beigetragen, dass vor allem die Freiwilligen das Lied Fratelli d`Italia mit Begeisterung sangen.

Bei den vielen Feierlichkeiten in Erinnerung an die erkämpfte Einheit in diesem und im nächsten Jahr verweisen beide Texte unmissverständlich auf die große Zeit des Aufbruchs Italiens, eben auf die Zeit des risorgimento. Dabei wirkt die „inoffizielle“ Hymne von Verdi mit dem Va`, pensiero feiner, elegischer und für den heutigen Geschmack überzeugender, die seit 1946 „offizielle“ Hymne Mamelis Fratelli d`Italia dagegen wesentlich kämpferischer. Die Italiener tun sich schwer, von Herzen diese Hymne anzunehmen. Ein Aufruf von Sei­ten des Staatspräsidenten vor der Fußballweltmeisterschaft, Spieler und Zuschauer möch­ten doch mitsingen, blieben sicht- und hörbar weitgehend unwirksam. Doch es ist ver­ständlich: Von 1861 bis 1946 hatten sie die Marcia Reale (Königsmarsch), die mit ihren Eingangsworten Viva il Re (es lebe der König) nach der Abschaffung der Monarchie natür­lich nicht mehr akzeptabel war; in der Zeit des Faschismus wurde ihnen zusätzlich die Giovinezza zum Ruhm Benito Mussolinis aufgedrängt, ganz zu schweigen von der Canzo­ne del Piave, die an die Kämpfe im 1. Weltkrieg erinnert. Heute nun empfinden es viele als Missbrauch, wenn die Lega Nord Verdis „Va`, pensiero“ als Inno della Padania, also als Hymne für ihr Traumland in der Poebene fordert. (Th.Douwes)


Qui crolla tutto – hier bricht alles zusammen

Das Haus der Gladiatoren in Pompeji eingestürzt

 Qui crolla tutto ist im November 2010 der Titel eines Berichtes in der Zeitschrift L ́Espres­so; L` umiliazione di Pompei (Die Demütigung Pompejis) schreibt die Zeitung Corriera del­la Sera. Auslöser für diese und ähnliche Überschriften ist der Einsturz der „Schule der Gla­diatoren“ („Schola armatorum, la cosiddetta Casa dei gladiatori“), deren Dach schon im Krieg bei Luftangriffen zerstört worden war.

Der Einsturz des Kulturdenkmals wurde als nationale Schande empfunden. Napolitano, der Staatspräsident, sprach auch von einer vergogna per l`Italia (Schande für Italien) und forderte sofortige Erklärungen ohne Heucheleien (spiegazione immediate senza ipocrisie). Natürlich haben viele Politiker sich nicht daran gehalten. Mit Freude haben die Oppositi­onsparteien die wirkungsvollen Schlagzeilen übernommen. Die PD (Partito Democratico) wies genussvoll auf das aufgegebene Italien nach dem Fall „Pompei“ (L` Italia abbandona­ta dopo il caso Pompei) hin und forderte den Rücktritt Bondis, des „Ministers für die Kultur­güter“.

Wie diese Schlagzeile schon andeutet, beschränkte sich die Opposition nicht auf den Fall „Pompeji“. Am 18. November 2010 erweiterte L ́ Espresso das Thema mit dem Titel: Qui crolla tutto – Silvio e la Lega nel diluvio (hier bricht alles zusammen – Silvio und die Lega in der Sintflut) und nimmt damit Vorwürfe, die Regierung habe bei den sintflutartigen Über­schwemmungen im November besonders im Veneto versagt und sich z. B. nicht um den Bau neuer Deiche gekümmert. Gleichzeitig wird – parteipolitisch geschickt – auf den er­hofften Zusammenbruch der Regierung Silvio Berlusconi und der Lega Nord noch im Jahr 2010 angespielt. Walter Veltroni aus der PD nennt den Zerfall in Pompeji eine Metapher für unser in Staub zerfallendes Land (una metafora dello sfarinamento del nostro paese) und wirft der Regierung kulturelles Desinteresse vor. Schließlich malt er das Ende der ita­lienischen Kultur mit drastischen Worten an die Wand:“Si dice che bisogna spegnere la luce. La luce è già spenta“ (Man sagt, dass es nötig ist, das Licht auszumachen. Doch das Licht ist schon ausgemacht).

Bei diesem üblichen parteipolitischen Geplänkel verteidigt sich natürlich die Regierung: Bondi, der zuständige Minister, werde nicht zurücktreten; im übrigen sei der jetzt größte Kritiker der Opposition, Walter Veltroni, ehemals in der Regierung Prodi selbst der zustän­dige Minister für die Kulturgüter gewesen, als in Rom die domus aurea (das goldene Haus) aus der Zeit Kaiser Neros teilweise eingestürzt sei.

Natürlich sind, was Pompeji anbetrifft, in Italien noch nicht alle Lichter ausgelöscht. Jeder Freund dieses Landes und seines kulturellen Erbes ist jedoch besorgt und fragt sich, ob Italien, das angeblich 70% der „schönen Güter der Natur und der Kultur“ der ganzen Welt besitzt, dem Erhalt und der Pflege dieser Güter überhaupt noch gerecht werden kann und will. Gründe für den Einsturz der Gladiatorenschule in Pompeji gibt es genug und sind teil­weise symptomatisch für den teilweise schlechten Zustand der Kulturgüter: außer dem starken Regen am 6. November 2010 sind es die ständig zunehmenden Scharen der Tou­risten, eine verfehlte Personalpolitik, die Einschnitte bei den finanziellen Mitteln, die „lange Hand der Kamorra“, die „malavita organizzata“, die sich in das Aufsichts- und Baupersonal einschleicht, die fliegenden Händler, die Drogenabhängigen und Prostituierte, die die Um­welt der untergegangenen Stadt zu ihrem Lebensbereich machen.

Die Lösung all dieser Probleme ist schwer. Viele Kritiker meinen, dass das untergegange­ne Pompeji ein Symbol der Ineffizienz Italiens sei, das seinen gesunden Menschenver­stand (buon senso) schon lange verloren habe und nicht wiederfinde. Oder auch gar nicht will, befallen von einer besonderen Form des Masochismus?

(Th. Douwes)

 

Italienisches ästhetisches Empfinden und deutsche Ingenieurskunst


 
Che bella macchina! (Was für ein schönes Auto!) So klang es aus dem Mund einiger Men­schen, als vor einem Hotel in Italien ein Mann in dem neuen Alfa Romeo vorfuhr. Er stieg aus dem bewunderten Wagen, auch seine Begleiterin, offensichtlich stilsicher nach der ul­tima moda Italiens gekleidet, die deswegen auch ihrerseits diskrete, aber bewundernde Blicke auf sich zog. Eindeutiger war das Lob für das Auto: Man schwärmte für Form und Farbe, für den gelungenen „Auftritt“. Che bellezza!

Auch die Reporter, die in den Fachjournalen und allgemeinen Zeitungen das neue Auto vorstellten, äußerten sich ähnlich: „Das Auto besticht durch seine Schönheit. Das Design ist wieder einmal begeisternd schön, traumhaft sicher in der Form- und Farbgebung, eben typisch italienisch, wie man es ja schon seit Jahrzehnten kennt.“ Nach diesem Lob erfolgt dann jäh der Wechsel: „Überzeugen kann nicht in jedem Fall die etwas nachlässige Verar­beitung. Einige Elemente sind unpraktisch angeordnet; sie sind schlecht eingefügt und führen dadurch zu lästigen, störenden Geräuschen. Besonders auffällig ist, dass die ein­zelnen Karosserieteile nachlässig zusammengefügt sind, was zu ungenauen und recht großen Spaltbreiten führt. In dieser Hinsicht ist ein deutsches Produkt mit seiner exakten Verarbeitung dem italienischen überlegen.“

Treffen hier nicht zwei verschiedene Vorstellungswelten aufeinander, trotz aller Kooperati­on und Globalisierung? Stehen hier nicht, zugespitzt gesagt, italienisches ästhetisches Empfinden und Streben nach bellezza neben der Exaktheit und den Nützlichkeitserwägun­gen im Denken der Deutschen? Sind Kreativität und sicheres Schönheitsempfinden im De­sign z.B. bei Elektro- und Küchengeräten, bei Möbeln und Textilien nicht stärker ausge­prägt bei den Italienern?

Mehrere Autoren auch moderner Bücher scheinen diese Theorie zu bestätigen: So stellt Jens Petersen in seinem Buch Quo Vadis, Italia u.a. die folgenden verschiedenen Mentali­täten und kulturellen Dispositionen gegenüber: Effizienz und Leistung gegen Desorganisa­tion und Kreativität, Barbarei gegen Kultur, romantische Tiefe gegen klassische Klarheit, Wald gegen Tempel... Ähnlich äußert sich Professor G. Balistreri in seinem Buch „Co­noscere l`Italia“ (2006) (in Übersetzung): „Man stimmt allgemein darin überein, wir Italiener hätten das Nützliche und Gute dem Schönen untergeordnet (...abbiamo subordinato l`utile e il bene al bello). In den Häusern hat die „Ornamentik“ (gli ornamenti) Vorrang vor der Be­quemlichkeit, und das Volk hat immer die Neigung gehabt, die ästhetische Seite der menschlichen Aktivität der großen Aufmerksamkeit würdig zu erachten. Seine Betrachtung gipfelt dann in der Feststellung: „Die Kunst wird zum Lebenszweck, dem jegliche andere Anstrengung untergeordnet wird“ (L`arte diventa un fine della vita al quale viene subordi­nato ogni altro sforzo). Ähnlich äußert sich Chastel in seinem zweibändigen Werk „Storia dell`arte italiana“, nämlich dass die Liebe der Italiener für die Schönheit ein Charakterzug sei, der sich häufig mit allen alltäglichen Aktivitäten verwebe (...il suo amore per la bellez­za che spesso si intreccia alle attività quotidiane).

In einer italienischen Zeitschrift für Wohnungseinrichtungen scheint der Herausgeber in ähnlicher Weise diese Theorie zu unterstreichen, wenn er behauptet, der Durchschnittsita­liener schenke dem Ästhetischen mehr Aufmerksamkeit als dem Wesentlichen und dem Praktischen (più che all`essenziale o alla praticità all`estetica). Voller Überzeugung stellt er dann fest, dass das Talent für das Design italienisch sei (quello per il design è un talento italiano), und verweist auf den schon 1912 in Turin kreierten Sessel Frau (poltrona Frau), auf den Sessel Sacco von 1968 oder auch auf Lampen von Artemide, die unter den Na­men Tizio und Tolomeo als Spitzenleistungen des Designs viele Schreibtische schmücken.

Der bekannte Journalist Enzo Biagi verweist in seinem Buch Italia darauf, wie in der Mode z.B. ein foulard di Gucci wegen seines Musters hervorsticht und dass im Museum of Mo­dern Art in New York die von Italienern gestalteten Objekte, vor allem die elektrischen Haushaltsgeräte, besonders hervorgehoben sind und wegen ihres Designs die Märkte er­obert haben („I nostri eletrodomestici hanno invaso i mercati“) und dass der Reisende z.B. sogar auf dem Flugplatz in Saigon auf den Werbetafeln die Lambretta oder die Vespa als klassisch gewordene Muster für gelungenes Design im Motorrollerbau bewundern. Außer­dem erlebt die Cinquecento gerade in diesen Tagen in leicht angepasstem Design ihre Wiedergeburt als besonders schön gestaltetes Kleinauto.

Oft scheint es Italienern in Deutschland schwer zu fallen, sich der deutschen Wohnkultur und der Kleidermode anzupassen. So bekennt die in Deutschland lebende und verheirate­te Autorin Marisa Fenoglio, sie habe sich bei Einladungen bei Deutschen oft wegen ihrer anderen Aufmachung etwas abseits gefühlt, und bewundert ihren Vater, der bei Besuchen in Deutschland so elegant den Gürtel der Hose umgelegt habe, und zwar so, dass nicht wie bei vielen Deutschen der schwere Bauch über diesen hervorquelle. Sie schließt ihre Betrachtungen mit den Worten, ihr fehle der Hintergrund der deutschen Generationen (mi mancava il retroterra di generazioni tedesche). Wird uns also vielleicht das ästhetische Empfinden durch die Generationen hindurch „mitgegeben“?

Jahrelang machte die deutsche Firma Grundig in Italien Reklame für einen Rasierapparat mit der Gegenüberstellung „Tecnologia Tedesca e Creatività Italiana“ und nahm damit eine Verschiedenheit als allgemein anerkannt und selbstverständlich hin. Wenn wir nun die Vor­stellung von der Überlegenheit der Italiener auf dem Gebiet der Kreativität, des Sinns für Schönheit , des guten Geschmacks und klassischen Designs übernehmen, stellt sich für uns auch die heikle und nur behutsam zu beantwortende Frage nach dem Grund dafür. Wir können frühe Gedanken Stendhals über- nehmen, der meint, dass der Mensch des Südens, der mit wenig in einem Land der Fülle lebe, eher Zugang zum Schö­nen habe und dass das Klima die Leidenschaften stärke, so dass man dort eher größere Originalität und von Natur aus das Geniale finde (...vi si trova, dunque, maggiore originalità, un genio più naturale). Doch ist es nicht eher die gewaltige Zahl der Maler, Architekten und allgemein der Künstler in Italien gewesen, deren schöpferische Kraft im Laufe der Jahrhunderte, ja zweier Jahrtausende, das Volk durchdrungen und die Kultur/Zivilisation bis hin zu jeder Le­bensform mit einer stark ästhetischen Färbung versehen hat und im Zweifel sogar das Nützliche und Bequeme dem Schönen untergeordnet hat? Der schon erwähnte Professor Balistreri unterstreicht dann auch diese weit verbreitete Meinung, die Italien zum Land der großen Künstler macht, deren schöpferische Kraft jede Form des Lebens beeinflusst hat. Seine Darstellung gipfelt schließlich in den Worten che, insomma, abbiano subordinato l`utile e il bene al bello (kurz und gut, dass sie das Nützliche und das Gute dem Schönen untergeordnet haben).

Dieses Durchdringen mit Kunst und Kultur hatte schon in der Antike seine Bedeutung: Kai­ser Augustus hatte mit Maecenas den freigebigen Gönner vieler Künstler, die wegen ihres Talents und wegen ihrer Ideen belohnt wurden. Dieses führte über die Jahrhunderte zum Mäzenatentum, in dem reiche Gönner wie Fürsten und Bischöfe mit dem heute noch so ty­pischen Empfehlungsschreiben (lettera di raccomandazione) Künstler förderten, ohne die wir z.B. viele Fresken in den Kirchen und Schlössern Italiens nicht bewundern könnten und ohne die der aus seiner Vaterstadt verbannte Dante nicht mit seinen Werken auch das ästhetische Empfinden seiner Landsleute hätte befördern können. Nie wäre Florenz ohne Mäzene die Metropole der Kunst geworden, nie hätte sich die barocke Kunst gerade in den ärmeren Gebieten Italiens entwickeln können, wenn nicht der Reichtum in den Hän­den weniger zwar vorrangig deren Prestige fördern sollte, doch auch Kunstwerke von großer Schönheit hervor-brachte!

Der berühmte Giorgio Vasari, der künstlerische Berater der Medici, hebt in seinem Werk Le vite de` più eccellenti Pittori, Scultori, Architetti die beispielgebende und vorbildhafte Bedeutung der Künstler für das ganze Wirken des Volkes von der Antike bis zur Vollkommenheit bei Michelangelo hervor. Die Werke der Künstler beziehen das Volk ein, das sich daran gewöhnt hat, in den Straßen und auf den Plätzen, in den Kirchen und Schlössern und anderen öffentlichen Gebäuden Schöpfungen der Harmonie und des gu­ten Stils auf sich wirken zu lassen, so dass sie schließlich gleichsam als Patrimonium der Jahrhunderte das kollektive Bewusstsein durchdringen und der jeweils neuen Generation neue Inspiration verleihen. Nur so scheinen z.B. auch das Frivole in den Werken Sodomas und die Wärme in den Arbeiten Caravaggios erklärbar! Verschiedene Kulturen, verschie­dene Völker haben häufig ein jeweils anderes ästhetisches Empfinden. Das Mittelalter re­flektierte stark das tiefe religiöse Empfinden, das in der kirchlichen Tradition den katholi­schen Christen besonders in Italien die kirchlich geprägte schöne Kunst nahe brachte. Hier, gerade im italienischen Be- reich katholischer Christen nämlich, stießen die Ikono­klasten aus den Reihen griechisch-orthodoxer Bischöfe mit ihrer arte negata auf erbitterten Widerstand, die im byzantinischen Bereich aber durch das Verbot der Darstellung lebendi­ger Wesen eine gewisse Erstarrung einer ästhetischen Entwicklung herbeiführten. Ähnli­ches lässt sich nach der Reformation im Bereich „protestantischer Bilderstürmer“ aus Genf und Wittenberg feststellen, die das Wort in den Mittelpunkt stellen wollten, aber doch wohl ähnlich wie im Bereich der orthodoxen Kirche im protestantischen Norden eine gewisse Kontinuität ästhetisch-künstlerischen Empfindens im Volk behinderten.

Das Talent vieler Italiener für kreatives Design zeigt sich auch auf zwei weiteren Feldern, und zwar auf dem der Freskenmalerei und dem des Theaters, besonders der Commedia dell` Arte. Diese Künste scheinen sich vollkommen mit dem Talent vieler Italiener zu ver­binden, die die in diesen Künsten besonders verlangten Qualitäten der schnellen Improvi­sation und spontanen Kreativität schätzen und bis zur Vollkommenheit entwickelt haben.

Wenn wir abschließend diese Gedanken übernehmen, dass Künstler und Designer sich von der in Jahrhunderten gewachsenen Kunst inspirieren lassen, und wenn wir anerken­nen, dass der Geist Italiens besonders auch in den Werken Cimabues und Giottos, Massaccios und Michelangelos, Caravaggios und Tintorettos und vieler anderer lebt und uns ferner in Italien begegnet in den Werken der Antike und der Romanik, in den Palästen der Renaissance und in den öffentlichen Gebäuden und den Plätzen italienischer Städte, dann wollen wir gern, zumal als Italienfreunde, dem Süden seine überaus große Bedeu­tung, ja wohl auch Überlegenheit auf dem Gebiet der Kunst und des schönen Designs konzedieren, die, wie ein Zitat aus Petersens Werk zeigt, sogar unsere Literatur beein­flusst hat: „Die deutsche Literatur etwa, von Winckelmann, Goethe und Eichendorff bis hin zu Heine, Hesse, Thomas und Heinrich Mann wäre ohne den Süden, das Italienerlebnis und seinen Mythos gar nicht zu denken“. Auch wenn wir beim Anblick mancher „Ästhetik“ in Italien hinsichtlich der Stilsicherheit unsere Zweifel haben mögen, so wollen wir weiter­hin kreatives südländisches Design mit seiner besonderen Schönheit genießen und Ab­weichungen von der Norm deutscher Effizienz und genauer Arbeit und sogar vorhandene Schwächen als Italo- Flair bzw. als emozioni italiane hinnehmen! Mit Bedauern betrachten wir die Entwicklung, die in La Domenica di Repubblica vom 26. September 2010 ange­sprochen wird: „Das Design ist tot... Die einzig wichtige Sache, die uns in den letzten 30 Jahren zu realisieren gelungen ist, ist, die Bedürfnisse jener zu befriedigen, die konsumie­ren (Oggi il design è morto... L`unica cosa importante che siamo riusciti a realizzare negli ultimi trent` anni è soddisfare i bisogni di chi consuma).

Th. Douwes

 

Veranstaltungen 2011, 1. Halbjahr

 

05.02.2011      Dr. Sabine Sonntag, Die veristische Oper:
15 Uhr, PFL    Cavalleria rusticana, Der Bjazzo 
                        Einführung in die Opern von Pietro Mascagni und Ruggiero                                               Leoncavallo

11.02.2011      Gemeinsames Kochen und Essen                                                                                   im Schulzentrum in der Alexanderstraße

21.02.2011      Italienischer Film um 19.30 Uhr in der Kulture­tage:                                                             Mein Bruder ist ein Einzelkind

12.03.2011      Opernfahrt nach Hamburg:                                                                                               Cavalleria rusticana, Der Bajazzo

26.03.2011      Weinprobe bei „Veritas“

05.04.2011       Prof. Dr. D. Richter: Märchenhafter Süden                                                                      Geschichten aus Giambattista Basiles „Märchen der                                                        Märchen“

10.05.2011        Prof. Dr. W. Rudzio: Italien: Eine Demokratie ohne                                                         Gleichgewicht Das Land im Zeichen Berlusconis

05.06.2011        Kammerkonzert mit Antonia Lorenz und Anne Crose-                                                     Schilperoort

 

Herausgeber: Deutsch-Italienische Gesellschaft Oldenburg e.V. Vorsitz und Redaktion:

Th. Douwes, Möhlenkamp 10 – 26655 Westerstede Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

 



Nr. 13 – September 2009

Inhalt von Notizie Nr. 13

-          Bei den alten Römern und ihren Nachfahren
-          Fahrt nach Bremen am 19. April zu Rossinis Maometto I
-          Verdis Oper Aida auf der Bremer Seebühne
-          Das Jahrhundert der italienischen Oper
-          Italienische Verhältnisse in Schlagzeilen
-          DIG Oldenburg begeht ihr 25-jähriges Jubiläum mit einem Sommerfest

BEI DEN ALTEN RÖMERN UND IHREN NACHFAHREN IN XANTEN

Eine Reise der DIG Oldenburg vom 7. bis 9. August 2009

Ist die Kleinstadt Xanten am Niederrhein mit ihren gerade einmal 22 090 Einwohnern wirklich eine Reise wert? Ein Artikel in der Sonntagszeitung der FAZ über die Römische Herberge im Archäologischen Park der Stadt gab den ersten Anstoß, über eine Kurzreise der DIG Oldenburg nach Xanten nachzudenken. Eine Recherche im Internet über das römische und das mittelalterliche Xanten förderte dann so viel Interessantes zu Tage, dass aus der vagen Idee rasch ein fester Plan wurde.

Wir starteten am Freitag mit unserem Bus bei herrlichem Sonnenschein und bester Stimmung vor Planten un Blomen in Wechloy. Zum Mittagessen kamen wir bei unserem nahe der mittelalterlichen Stadtmauer von Xanten gelegenen Hotel van Bebber an. Bei der nur wenige Schritte entfernten „Information“ erwartete uns dann unsere Stadtführerin, welche die Aufgabe hatte, uns mit dem mittelalterlichen Xanten bekannt zu machen.

Mittelpunkt der heutigen Stadt ist der 1263 gegründete und 1544 fertig gestellte Dom St. Victor. Die Gebeine seines Namensgebers sind in einem Schrein aus dem Jahr 1128 im Hochaltar der Kirche aufgebahrt. Der christliche Legionär Victor von Xanten soll zusammen mit 330 weiteren Angehörigen der Thebäischen Legion im 4. Jahrhundert im Amphitheater von Veteres hingerichtet worden sein und gilt seitdem als Märtyrer. Der Dom war Mittelpunkt der „Immunität“, der Unabhängigkeit der Kirche von allem weltlichen Einfluss. Die „Immunität“ lebt heute weiter in dem hübschen Platz mit den schön restaurierten Häusern.

Wer kennt nicht die Geschichte von Siegfried, dem Drachentöter? Xanten ist seine Heimatstadt. Das Nibelungen-Relief sieht man an der Stadtmauer neben der „Kriemhildmühle“.Nach einem gepflegten Abendessen im Hotel und einem kleinen Rundgang durch die Altstadt fand der Tag einen stimmungsvollen Abschluss in Kriemhilds Mühlengarten, einem parkartigen und von bunten Lampen erhellten Biergarten unterhalb der Mühle auf der Stadtmauer. 
Der zweite Tag der Reise stand ganz im Zeichen der Alten Römer.
Die Geschichte des römischen Xanten beginnt mit der Eroberung Galliens durch C. Julius Caesar (58 – 51 v. Chr.), durch welche der Rhein bis zu seiner Mündung die Grenze zwischen dem römischen Gallien und dem freien Germanien wird. Cäsars Adoptivsohn, Kaiser Augustus, war dann der Mann, der den Plan fasste, auch noch das freie Germanien dem römischen Reiche einzuverleiben. Um dieses Ziel zu erreichen, begann er in den Jahren 13 und 12 v. Chr. mit der Vorbereitung einer großen Rheinoffensive, zu der unter anderem die Einrichtung eines ersten Lagers, castra vetera genannt, auf dem Xantener Fürstenberg gehörte. Welches Ende das kühne Unternehmen der „Rheinoffensive“ von Kaiser Augustus schließlich nahm, ergibt sich aus der vernichtenden römischen Niederlage in der Varus-Schlacht im Jahre 9 n. Chr., deren im Jahre 2009 allenthalben gedacht wird (Und zu Füßen des St. Victor-Domes findet der Besucher der Kirche den Grabstein eines römischen Offiziers, dessen Teilnahme an der Varus-Schlacht in der Inschrift auf dem Stein bezeugt ist.).

Die neue Strategie der Römer hieß nun Verzicht auf Germanien und Befestigung der Rheinlinie zum Schutz des Römischen Reiches vor den gefährlichen Nachbarn – im Norden durch befestigte Städte und im Süden durch den Limes. Im Zuge dieser neuen Strategie bauten die Römer das ursprüngliche, anfangs nur eine Legion von ca. 5500 Soldaten fassende alte Lager in Xanten im Jahre 98 n. Chr. zu einer Colonia aus. Nach ihrem Gründer, dem Kaiser Marcus Ulpius Traianus, erhielt sie den Namen Colonia Ulpia Triaiana. Sie wurde, neben Köln, die zweitgrößte römische Stadt am Rhein. Zur Blütezeit der Colonia füllten mehr als 10.000 Einwohner die Stadt mit Leben.
Ihre Geschichte erschließt sich aus den Ausgrabungen, die man im letzten Jahrhundert begonnen und in diesem weitgehend abgeschlossen hat. Nach dem Ende der römischen Besatzung im frühen 5. Jahrhundert verfiel die Siedlung und wurde als Steinbruch ausgeschlachtet, bis sie, außer wenigen Resten, völlig verschwunden war.
Heute liegt das 73 Hektar große Gelände des römischen Xanten vor den Toren des mittelalterlichen Xanten. 1977 wurde hier der Archäologische Park Xanten (APX) gegründet, 2008 das RömerMuseum eingeweiht.Der Haupteingang zum APX liiegt zwischen originalgetreu aufgebauten Wehrtürmen, verbunden durch eine hohe Mauer, wie auch viele Gebäude im Park nach Vermessung der antiken Grundrisse wieder nachgebaut wurden. 
An etlichen Stellen sind die alten Fundamente zu sehen. Die Wohnviertel der antiken Stadt waren in Quadrate aufgeteilt und die Straßen von Arkaden gesäumt. Um dieses Straßenbild zu vergegen- wärtigen, hatte man in den 70-er Jahren Baumreihen gepflanzt, welche die heutigen Besucher zu den einzelnen Gebäuden führen, unter anderen zum Hafentempel, zur Römische Herberge, zum Amphitheater. Wer nach den Strapazen einer Reise Unterkunft und Verpflegung suchte, fand sie in der Herberge, dazu Entspannung im herbergseigenen Badehaus oder beim Besuch der Taverne. Als heutige Besucher konnten wir unter anderem eine typisch römische Wohnung, bestehend aus Empfangs-, Wohn-, Schlafzimmer und Küche, besichtigen, dazu das Badehaus und die Taverne. Alle Räume sind mit Wand- und Deckenmalereien versehen.

Den wichtigsten Teil des RömerMuseums bilden die 125 n. Chr. von Kaiser Hadrian erbauten Großen Thermen, ein riesiges, aus Heiß-, Warm- und Kaltbad, Umkleideräumen und einem Sportplatz bestehendes Badehaus. Für die heutigen Besucher wurde die Anlage neu überdacht und durch Treppen und Podeste zugänglich gemacht.
Im eigentlichen Museum sind, nach Themen geordnet, Waffen und Rüstungen, Hausgeräte, Handwerkszeug, Schmuck und viele andere Gegenstände des täglichen Lebens ausgestellt. In der ersten Abteilung konnten wir unseren Chauffeur (der gern an unseren Besichtigungen teilnahm) in römischer Bewaffnung mit Schild, Speer und Helm bewundern.
Unser Abendessen nahmen wir im Apicius ein, dem Restaurant der Römischen Herberge, wo uns Pullus Numidicus, Piscis Alexandrinus, Porcellum und Lukanische Würstchen erwarteten. Alles besondere Speisen, wenn auch nicht nach jedermanns Geschmack. Seinen Abschluss fand dieser randvoll gefüllte Tag in fröhlicher Runde mit Wein und Bier und dem würzigen 40-prozentigen Canonicus im Kellergewölbe unseres Hotels.
Der letzte Tag unserer Reise sollte als Ausgleich für die anstrengenden Führungen mit einem gemütlichen Spaziergang von 6,5 km beschlossen werden. Unerwartet erwies sich dieser aber als eine gut doppelt so lange Wanderung, die uns immerhin durch ein wunderschönes Flusstal und - ganz zünftig - über die Via Romana führte. Das reichhaltige Büffet in dem von der Reiseleitung gebuchten Gasthaus ließ die Anstrengungen des Weges rasch vergessen.

Fazit dieser dreitägigen Xanten-Reise: Gemessen am Erlebniswert und der Freude, die wir hatten,
ist Xanten mehr als nur eine Reise wert.             
Monika und Georg Rupprecht


DIE ZU UNRECHT VERGESSENE ROSSINI-OPER MAOMETTO II.

Opernfahrt der DIG Oldenburg am 19.April 2009 nach Bremen

Zu den selten gespielten, ganz gewiss nicht auf dem üblichen Repertoire stehenden Werken Rossinis gehört auch seine große tragische Oper Maometto  II aus 1820, eine romantische Liebesgeschichte zwischen dem Titelhelden und der Venezianerin Anna vor dem historischen Hintergrund der türkischen Invasion nach Europa im 15. Jahrhundert unter Sultan Mehmet II.,; der sich daraus ergebende unlösbare Konflikt endet operngerecht für die junge Frau tödlich. In den gängigen Opernführern sucht man vergebens nach diesem Opus, und so mag man eine Aufführung in der heutigen Zeitals wagemutig oder als verdienstvoll ansehen. Entsprechend erwartungsvoll waren wir 34 Deutsch-Iteliener, als wir sonntags am frühen Nachmittag (sehr angenehm der frühe Beginn der Vorstellung um 18.00 Uhr!) die Fahrt nach Bremen antraten. Was wir zu sehen und zu hören bekamen, war eindrucksvoll genug (und spiegelt sich auch in der öffnetlichen Würdigung wider: für Einzelheiten lese man dort nach!). Zum Glück war Regisseur Michael Hampe nicht der nahe liegenden Versuchung erlegen, "die damalige historische Handlung auf heutige Verhältnisse umzuinterpretieren. Deshalb haben wir beschlossen, die Oper da zu belassen, wo sie spielt, 1473, in der Historie, auch in äußeren Aspekten des Bühnenbilds und der Kostüme." (Aus dem im Programmheft abgedruckten Interveiw.) Herausgekommen ist eine rundum stimmige, im Mehrfachsinne "historische" Inszenierung ohne jene verkrampften Aktualisierungen, die einen Opernbesuch zum Ärgernis machen können. Hier aber gab es unter allen Teilnehmern nur Freude und Begeisterung. Organisiert hatte die Fahrt Theo Douwes, dem dafür noch einmal herzlich gedankt sei.

Edith Schepelmann und Klaus Johanns 


KONZERTANTE AUFFÜHRUNG VON VERDI´S AIDA

Ihre Premiere auf der Bremer Seebühne am 21. Juni 2009

Nur gut zwei Monate ließen die Opernfreunde der DIG-Oldenburg verstreichen, bis sie ein zweites Mal zu einer Opernfahrt nach Bremen aufbrachen, um diesmal, unter der bewährten Leitung von Klaus Tränkle, Verdi´s Aida auf der Bremer Seebühne zu erleben.

Der ein oder andere Besucher mochte sich fragen, ob die genannte Bühne eine geeignete Aufführungsstätte für eine so überragende Oper sei. Doch die Zweifler sollten bedenken, wie viel mehr die Leistungen der Musiker, Sänger, Tänzer, die Regie und die Ausstattung und all das, was im Programm unter dem Titel "Technische Gesamtleistung" subsumiert ist, zählen als eine sonst für jede Art von Stück verwendete antike, barocke oder moderne Bühne. Und da all dies ausgezeichnet war, kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Besucher eine in jeder Hinsicht hochrangige Aufführung erlebten.

Beginnen wir mit der Szenerie und ihrer Gestaltung Das Geschehen auf der von dem Bühnenzelt überwölbten Bühne verschwamm zunächt im Gegenlicht der Sonne, ließ aber bei zunehmendem Dunkel die Umrisse der Bühne und das Bühnengeschehen immer deutlicher hervortreten. So wurde das die Musiker und den Dirigenten umschließende und eine ägyptische Pyramide symbolisierende Dreieck sichtbar, ebenso wie die klobigen Holzwürfel, welche in dieser "konzertanten Aufführung" nacheinander Podeste für überhöhte Figuren, den Winkel eines Wohngemachs oder, am Schluss, die Wände der Grabkammer darstellten, Ort des gemeinsamen Todes der beiden Liebenden Aida und Radames. Ähnlich wechselnde Funktionen erhielten die glitzernden Metallstangen der Diener und Gefolgsleute, welche mal gesellschaftlichen Rang, mal Speere, mal Fahnen verkörperten.
Rasch wechselnde Lichteffekte suchten die Wirkung bestimmter Handlungen auf der Bühne zu unterstützen, während die Weser angesichts der im alten Ägypten angesiedelten Handlung zum Nil verwandelt wurde, indem man alte Jollen und Koggen mit geblähtem Segel unablässig um die Bühne kreisen ließ - freilich in merkwürdigem Kontrastr zu den Kränen und Silos auf den Piers des Bremer Freihafens.
Die beiden weiblichen Protagonisten der äthiopischen Aida und der Pharaonentochter Amneris, verkörpert durch Gweneth-Ann Jeffers und Kathuna Mikaberidze, waren erstklassig besetzt (wenngleich die beiden Sängerinnen in der Stimme etwas gegensätzlicher hätten sein können). Unter den ebenfalls sehr guten männlichen Protagonisten fand der den äthiopischen König Amonasro verkörpernde George Stevens mit seinem mächtigen Bariton am meisten Anklang beim Publikum. Auffällig der hohe Anteil an nicht deutschstämmigen Sängerinnen und Sängern im Ensemble dieser Aufführung.
Die Musiker der Bremer Philharmonie zeigten sich unter ihrem bewährten Leiter Markus Poschner den hohen Anforderungen der Partitur sowohl in den wirkungsvollen Massenszenen wie in den intimen Auftritten der Protagonisten in jeder Hinsicht gewachsen. Gerade die Kombination von Haupt- und Staatsaktionen und innigen Szenen, die ihren Höhepunkt im Liebestod der beiden Liebenden findet, macht den Reichtum dieser Oper aus, die nicht umsonst die beliebteste Oper von Verdi ist.

Ottheinrich Hestermann


„LA NOSTRA OPERA“

DAS JAHRHUNDERT DER ITALIENISCHEN OPER

Die Musikkenner wissen, dass die Oper als musikalische Gattung keineswegs erst im 19. Jahrhundert, sondern bereits im 17. Jahrhundert entstanden ist, und zwar als eine ureigene italienische Schöpfung. Wenn man trotzdem das ottocento das „Jahrhundert der italienischen Oper“ nennt, drückt man damit aus, dass es in eben diesem Jahrhundert eine neue Blüte der italienischen Oper gegeben hat, welche der italienischen Musik nach der Barockzeit ein zweites Mal zur Weltgeltung verhalf. Neue Opernhäuser wurden errichtet wie das Teatro Regio in Parma, das Teatro Donizetti in Bergamo, das Teatro del Giglio in Lucca, oder alte nicht mehr benutzte wiederbelebt. Der neue Enthusiasmus der Italiener für die Gattung forderte dies dringend, so dass die impresari Mühe hatten, Hand in Hand mit ihren Komponisten den unersättlichen Appetit des Publikums auf immer neue Opern zu befriedigen.

Den Anfang machte der aus Pesaro stammende Gioacchino Rossini. Nach seinem Debüt mit der Oper L’Italiana in Algeri von 1813 feierte er vier Jahre darauf in Rom seinen ersten großen Erfolg mit dem Werk Il barbiere di Siviglia. Die Auftritts-Cavatine des Figaro aus dieser Oper blieb Rossinis berühmteste Gesangsnummer:

Qua la parrucca . . . Hier die Perücke . . .

Presto la barba . . . Schnell den Bart . . .

Qua la sanguigna . . . Hier den Aderlass . . .

Presto il biglietto . . . Schnell das Billett . . .

Figaro . . . Figaro . . . Figaro . . . Figaro . . .

Son qua, son qua. Schon da, schon da.

Figaro . . . Figaro . . . Figaro . . . Figaro . . .

Son qua, son qua. Schon da, schon da.

Rossinis Musik zeichnete sich aus durch zündende Rhythmen und großen melodischen Reichtum. Rasch erwarb sich der Komponist den Ruhm, der Erneuerer des italienischen Belcanto, ja der erste Musiker des gegenwärtigen Italien zu sein. Mit der Reihe seiner 39 Bühnenwerke, zu denen, neben dem Barbiere, La Cerentola („Aschenbrödel“), La gazza ladra („Die diebische Elster“) und eben auch Maometto II gehörten, errang Rossini überall in Europa große Erfolge. Nach dem Guillaume Tell war er der Meinung, als Opernkomponist das Seine getan zu haben, sodass er sich einer anderen, ebenfalls sehr italienischen, Kunst widmen konnte, nämlich der Kochkunst, um hinfort nur noch erlesene Menus zu komponieren.

Neben weiteren, bis heute lebendig gebliebenen Repräsentanten der von den Italienern über alles geliebten Gattung wie Donizetti, Bellini und den „veristischen“ Meistern Puccini, Mascagni und Leoncavallo trat dann mit Giuseppe Verdi ihr eigentlicher Großmeister in Erscheinung. Das Leben Giuseppe Verdis, der am 10. Oktober 1813 geboren wird und am 27. Januar 1901 stirbt, umgreift nahezu das ganze 19. Jahrhundert, das zugleich das Jahrhundert des Risorgimento wurde, das heißt, das Jahrhundert der Befreiung und Einigung Italiens.

Nach unglücklichen Anfängen erfährt Verdi mit der Oper Nabucco, genau gesagt, mit dem Chor der Juden in der babylonischen Gefangenschaft, seine zugleich künstlerische wie politische Erweckung:

Va, pensiero, sull’ali dorate Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln,

Va ti posa sui clivi, sui colli Lass dich auf Hängen, auf Hügeln nieder,

Ove olezzano libere e molli Wo frei und sanft die lieblichen Düfte

L’aure dolci del suolo natal! Unserer Heimat Wohlgeruch verströmen!

Oh mia patria sì bella e perduta! O mein schönes verlorenes Vaterland!

Der Künstler erlebt in den Versen die Unterdrückung des eigenen Volkes durch die österreichische Fremdherrschaft, und genau so ergeht es seinen Zuschauern, so dass eben dieser Chor aus Nabucco von dem Publikum als eine Art „Übernationalhymne“ verstanden und angestimmt wird, lange bevor es eine offizielle Nationalhymne gibt. Die Landsleute riefen dabei in Hinsicht auf das von ihnen ersehnte Königreich Italien: Evviva Verdi!, was für sie so viel wie Evviva Vittorio Emanuele Re di Italia! Für den von tiefem Patriotismus durchdrungenen Komponisten war dies die Erfahrung der Identifikation seiner Person mit seinem Volk.

Nach dem Erfolg von Nabucco beschäftigten den Komponisten zunächst Opern von betont politischer Ausrichtung, unter denen auch mehrere Werke nach Dramen von Schiller waren. Mit den drei bis heute populären Opern Rigoletto, Il trovatore und La traviata, und sodann den drei Meisteropern Il ballo in maschera, La forza del destino und Aida, erreichte Verdi dann jenes approfondimento della psicologia dei personaggi und jene verità drammatica, die seine eigentliche Größe ausmachen.

Dass er vergessen würde, darüber brauchte sich der Großmeister der italienischen Oper gewiss keine Sorgen zu machen. Im Gegenteil, schon zwölf Jahre nach seinem Tode entschied eine Kommission unter Beteiligung des späteren Chefdirigenten der Mailänder Scala Tullio Serafin, den 100. Geburtstag Giuseppe Verdis im August 1913 mit einer Jubiläumsaufführung der Aida in der Arena von Verona zu begehen, zu der dann nahezu 20.000 Zuschauer von nah und fern zusammenströmten.

Was anfangs als ein ungeheures Wagnis erschien – ein römisches Amphitheater, das vor 2000 Jahren Schauplatz von blutigen Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen für ein sensationslüsternes Massenpublikum war, sollte als Bühne für die Festaufführung einer Verdi-Oper dienen - , das erwies sich als Beginn einer überwältigenden Erfolgsgeschichte. Die Arena wurde nicht nur Stätte einer einzigartigen Ehrung Italiens für seinen größten Opernkomponisten, sondern zugleich der Geburt der größten Opernfestspiele der Welt, die bis auf den heutigen Tag Jahr für Jahr hier veranstaltet werden. Einzelreisende, Familien, Schulklassen, Reisegruppen aus Italien wie auch anderen Ländern finden sich hier ein, ehren die Sänger und Musikanten, indem sie zu Beginn der Aufführungen ihre moccoletti („Kerzenstümpfe“) entzünden und am Schluss nicht mit Beifall geizen, während hier und da auch hörbar mitgesungen wird. Die vorherrschende Begeisterung des in erster Linie italienischen Publikums dürfte gewiss nach dem Herzen des großen Patrioten Verdi wie auch der anderen Meister des „Jahrhunderts der italienischen Oper“ gewesen sein.